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Fällt der Ölpreis auf 10 Dollar?

Bo Bejstrup Christensen erklärt, warum der Ölpreis weiter fallen kann und was dies für Anleger bedeutet.

Von Bo Bejstrup Christensen, Chefanalytiker bei Danske Invest

Vor nicht ganz 18 Monaten lag der Ölpreis noch bei über 100 Dollar pro Barrel. 2008 orakelten einige sehr kluge Menschen noch, dass der Ölpreis in nächster Zukunft auf 200 Dollar pro Barrel steigen werde. Manche meinten sogar, dass uns das „schwarze Gold“ bald ganz ausgehen werde.

Stattdessen lässt sich heute das Barrel Öl kaum noch für 40 Dollar verkaufen. Sind in diesem Rahmen 10 Dollar wirklich verrückt? Ich möchte Sie bitten, darüber nachzudenken. Wir meinen, dass ein Ölpreis von 20 Dollar in relativ kurzer Zeit nicht ganz unrealistisch sein könnte und schildern Ihnen, was dies unserer Meinung nach für Ihre Investitionen bedeuten könnte.

Amerikanische Ölindustrie bestimmt OPEC in Zuschauerrolle
Alles Mögliche wurde bereits über die amerikanische Schieferindustrie geschrieben. Zuerst ging es um Schiefergas, dann um Schieferöl. Die amerikanische Ölproduktion liegt jetzt bei etwa neun Millionen Barrel pro Tag und damit können sich die USA mit Saudi-Arabien und Russland messen.

Die Skeptiker meinten anfangs noch, dass die Kosten der Schieferindustrie so hoch seien, dass ein niedriger Ölpreis die Amerikaner bald zum Aufgeben zwingen werde. Doch stattdessen überraschte die amerikanische Ölindustrie mit einer ganz außergewöhnlichen Kosteneffizienz.

Heute, ein Jahr nach dem erstmaligen Fall des Ölpreises, ist die Produktion im Vergleich zum Spitzenwert nur um fünf Prozent zurückgegangen. Dies liegt an einer geradezu dramatischen Produktivitätssteigerung. Sollte der Preis noch weiter fallen, würde die amerikanische Produktion sicherlich unter Druck geraten. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass die amerikanische Schieferölindustrie zum Swing-Produzenten der Welt geworden ist. Denn im Gegensatz zu den herkömmlichen Ölproduzenten können die Amerikaner ihre Produktion sehr schnell entsprechend den Preisänderungen steigern oder zurückfahren.

Sollte der Ölpreis daher wieder steigen, würden die Amerikaner einfach ihre Ölproduktion erhöhen und damit den Preis unter Druck setzen. Dies bedeutet unserer Einschätzung nach, dass es eine Grenze dafür gibt, wie stark die Ölproduktion insgesamt gesteigert werden kann. Die OPEC muss somit die Preise akzeptieren und kann ihre Einnahmen nur dadurch maximieren, indem sie die Produktion maximiert. Hinzu kommt noch, dass mehrere OPEC-Staaten die Öleinnahmen zum Überleben benötigen.

Begrenzte Lagerungsmöglichkeiten
Momentan sind sich die meisten Experten darüber einig, dass es eine Überproduktion gibt. Die herkömmliche Argumentation lautet etwa wie folgt: Niedrige Ölpreise werden für eine Weile benötigt, um das Angebotswachstum einzudämmen und die Nachfrage zu steigern. In einigen Jahren werden Angebot und Nachfrage wieder einander entsprechen und dann müsste der Ölpreis wieder steigen.

Doch angesichts der geschilderten Dynamik, bei der die USA bestimmen und die OPEC nur zuschauen kann, besteht kurzfristig die Gefahr, dass zu viel Öl produziert wird. Zugleich gibt es Grenzen für die Lagerung dieser Überproduktion. Zuletzt wurden sogar beispielsweise Schiffe zur Lagerung des Öls eingesetzt, um es zurückhalten zu können. Doch irgendwann ist nicht mehr genug Lagerraum vorhanden und das Öl muss dann auf den Markt geworfen werden. Dies wird den Ölpreis kurzfristig weiter unter Druck setzen.

Was, wenn Öl überflüssig wird?
Doch jetzt wird es erst richtig interessant. Folgendes Zitat wird einem früheren saudi-arabischen Ölminister zugeschrieben: „Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil wir keine Steine mehr hatten. Und die Zeit des Öls wird, lange bevor wir kein Öl mehr haben, zu Ende gehen.“

Allein 2014 wurden in Kalifornien so viele Solaranlagen installiert, wie in den gesamten USA bis 2011 installiert worden waren. Allein die in diesem Jahr in China installierte Solarenergie entspricht der gesamten Kapazität, die in Frankreich vorhanden ist. Solarenergie ist eine Technologie, deren Kosten jährlich um über 10 Prozent fallen. Wenn dies nur noch fünf Jahre anhält, wird die Solarenergie auf den meisten Märkten nicht teurer sein als beispielsweise Erdgas und bald darauf sogar günstiger sein als alle anderen Energiequellen. Kombiniert mit der Verbreitung der Finanzierung von Sonnenkollektoren werden die Gesamtkosten der Solarenergie stark fallen. Dann fehlen uns nur noch ein besseres Stromnetz und einige Fortschritte bei Batterietechnologien und schon wird die Welt von grüner Elektrizität angetrieben. Nehmen wir noch die raschen Fortschritte bei Elektro- und Hybridautos, bei Car-Sharing und selbstfahrenden Autos hinzu, dann ergibt dies ein Szenario, in dem die Nachfrage nach Öl bald nicht mehr steigt.

Jetzt wird die Marktdynamik noch interessanter: Vor 30 Jahren klang Solarenergie noch nach Utopie und ein Land wie Saudi-Arabien konnte seine in der Wüste liegenden Ölreserven als Vermögen mit bleibendem Wert ansehen. Doch was geschieht, wenn Öl in nur zehn Jahren überflüssig wird? Dann macht es plötzlich Sinn, jetzt besonders viel Öl zu fördern, solange es überhaupt noch einen Wert hat. Das Ergebnis? Der Ölpreis gerät unter Druck.

Stopp zurück zur Wirklichkeit
Betrachten wir die Dinge etwas nüchterner. Denn wir gehen nicht wirklich davon aus, dass morgen vorwiegend Elektroautos gefahren werden und übermorgen die Welt nur noch mit Solarenergie läuft. Wir wollten nur die herkömmliche Betrachtungsweise ein wenig in Frage stellen. Doch wir meinen in jedem Fall, dass die Aussichten für den Ölpreis eher düster sind und die Tendenz in Zukunft eher fallend ist.

Warum ist dies für Ihre Investitionen wichtig? 2015 hat bewiesen, dass ein niedrigerer Ölpreis für große Teile der Weltwirtschaft gut ist – besonders für die Eurozone und Japan, aber auch für die USA, die weiterhin ein Handelsdefizit haben. Ein fallender Ölpreis hat allerdings unterschiedliche Auswirkungen auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche. Für den Dienstleistungsbereich und die Privathaushalte ist er von Vorteil. Doch die Gewinne von Energieunternehmen und ihrer Zulieferer gehen zurück. Genau diese Unternehmen spielen auf dem Aktien- und Anleihemarkt eine große Rolle. Das gilt insbesondere für die USA. Hier hat der fallende Ölpreis 2015 den Anlegern Probleme bereitet. 2016 könnte dies die Ursache für wirklich schlechte Nachrichten sein, denn wir werden dann weitere Gewinnrückgänge und Insolvenzen erleben.

Daher kann die paradoxe Situation entstehen, dass der Aktienmarkt trotz eines guten Wirtschaftswachstums in den USA, Japan und der Eurozone unter Druck gerät.

Was machen wir dann? Trotz der positiven Aussichten der Weltwirtschaft für 2016 haben wir zur Zeit nur ein geringes Übergewicht in Aktien. Außerdem versuchen wir, in die Bereiche zu investieren, die vom niedrigen Ölpreis profitieren, darunter in europäische Aktien und Unternehmensanleihen, da in Europa der Energiesektor einen geringeren Einfluss auf die Kursentwicklung hat als in den USA.

Aufgrund unserer Skepsis hinsichtlich des Ölpreises (und Chinas Wirtschaft) mahnen wir weiterhin zur Vorsicht bei Investitionen in Schwellenländer. Auch sind wir skeptisch gegenüber amerikanischen Unternehmensanleihen, da dort der Energiesektor eine große Rolle spielt. Vor allem möchten wir Ihnen empfehlen, darüber nachzudenken, wo und in welchem Umfang Sie bereit sind, in Ihrem Portfolio Risiken einzugehen. Beispielsweise ob die Chance eines höheren Ertrags, den Sie erzielen, wenn der Ölpreis nicht weiter fällt, größer ist als das Risiko von Verlusten bei weiter fallenden Ölpreisen. Unsere Haltung ist klar – wir meinen, dass sich dieses Risiko nicht lohnt!

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