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Was geschieht momentan im Bankensektor?

Unser Branchenspezialist beantwortet sieben Fragen über die aktuelle Unruhe im europäischen Bankensektor.

Stehen wir kurz vor einer neuen großen Bankenkrise in Europa? Wenn man die Wertentwicklung des Referenzindex des europäischen Bankensektors, des Stoxx Europe 600 Banks, betrachtet, könnte man geneigt sein, das zu glauben. Dieser notiert bis dato um 31,1% niedriger als zum Jahreswechsel und damit auf dem niedrigsten Stand seit November 2011.

Aber der Bankensektor ist nicht auf dem Weg in eine systemische Krise mit großen Folgewirkungen auf die restliche Wirtschaft, meint Anders Hornbak, der als Portfoliomanager den Danske Invest Europe verwaltet und Danske Invests europäische und globale Fonds über Anlagen im Finanzsektor berät.

Wie ist die Lage im europäischen Bankensektor?
„Der europäische Bankensektor durchläuft gerade eine turbulente Phase und wird momentan mit einem inneren Wert von ca. 0,6 gehandelt, was historisch gesehen günstig ist. Bereits vor dem Brexit waren die Erwartungen für den Bankensektor niedrig. Das liegt an den Negativzinsen, die sich auf die Nettozinserträge der Banken äußerst negativ auswirken. Wir schätzen, dass nach dem britischen Referendum die Gewinnerwartungen des Marktes für Banken um weitere 15% gesunken sind und der Markt davon ausgeht, dass die Zinsen längere Zeit niedrig bleiben werden, das Lohnwachstum zurückgehen wird, die kapitalmarktbezogenen Einnahmen sinken und die Abschreibungen zunehmen werden."

Ist Europa auf dem Weg in eine neue Bankenkrise?
„Auch wenn die Aktienkurse eine Art Krise widerspiegeln können, befindet sich der Sektor nicht im gleichen Überlebenskampf wie nach der Finanzkrise. Die Finanzierungsmärkte sind beispielsweise deutlich stabiler geworden, da die Europäische Zentralbank (EZB) viel aktiver agiert. Das ist ein deutlicher Unterschied im Vergleich zu früher, als es Banken schwer hatten, ihre Kreditgeschäfte auf dem freien Markt zu refinanzieren. Damals gab es eine ausgewiesene Liquiditätskrise, was dieses Mal meiner Ansicht nach nicht der Fall ist. Der Auslöser für die aktuelle Unruhe sind die italienischen Banken."

Was geschieht gerade in Italien?
„Die italienischen Banken haben faule Kredite in Höhe von ca. 200 Mrd. Euro. Das sind Kredite, bei denen es nicht sicher ist, ob sie jemals zurückgezahlt werden. 2014 stieg das Volumen fauler Kredite um ca. 25%, aber jetzt liegt die Wachstumsrate in diesem Bereich stabil bei 3-4%. Das Gesamtvolumen der ausstehenden faulen Kredite liegt zum ersten Mal seit Jahren stabil bei 200 Mrd. Euro. Es gibt also nichts, was darauf hinweist, dass es zu einer weiteren Eskalation kommen wird. Im Gegenteil: Die Lage ist so stabil wie schon lange nicht mehr. Darüber hinaus sind die Gewinnerwartungen für italienische Banken für 2017 und 2018 um ca. 25% zurückgegangen. Obwohl die Unsicherheit den gesamten Sektor belastet, ist Monte dei Paschi am stärksten betroffen. Die EZB hat Monte dei Paschi dazu aufgefordert, den Anteil der faulen Kredite am gesamten Darlehensumfang bis 2018 von 34,4% auf 20% zu senken. Das kann die Bank am freien Markt nicht schaffen. Deshalb hat die italienische Regierung den Atlante-Fonds in Höhe von 4,8 Mrd. Euro eingerichtet mit dem Ziel, den Banken mit ihren faulen Krediten zu helfen. Aber es ist fraglich, ob das überhaupt reicht."

Wie gehen Sie als Anleger mit der Situation um?
„Ich denke, man sollte mit einer Anlage im europäischen Bankensektor vorsichtig sein und vor allem die Risiken bei Investmentbanken berücksichtigen. Wenn man sich für den Sektor interessiert, sind gut kapitalisierte und gut geführte Retail-Banken die beste Wahl."

Welche Informationen benötigt der Markt, um mit dem negativen Trend zu brechen?

„Für Italien ist es entscheidend, dass eine Lösung für Monte dei Paschi gefunden wird, die dem restlichen italienischen Bankensektor nicht schadet. Aber die alles überschattende Ursache für die Spannungen im Bankensektor ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, da die Negativzinsen die Einnahmen der Banken beeinträchtigen. Darüber hinaus hinkt Italien immer noch mit seinem Wirtschaftswachstum hinterher. Das Wichtigste wird also ein Signal der EZB sein, dass sie die Zinsen zumindest nicht noch weiter senkt. Zudem sind Banken vom Wirtschaftsumfeld abhängig. Deshalb kommen Zahlen, die darauf hinweisen, dass der Brexit keine allzu negativen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft haben wird, ebenfalls eine große Bedeutung zu.“

Wie beurteilen Sie die Dividendenerwartungen des Marktes für den Finanzsektor?

„Ich glaube, dass die Dividendenerwartungen des Marktes für die europäischen Banken zu hoch sind, insbesondere für die südeuropäischen Banken. Die Erwartungen für die skandinavischen Banken stimmen mich unterdessen zuversichtlicher. Was die Erwartungen für Versicherungsgesellschaften anbelangt, bin ich mit dem Markt eher auf einer Wellenlänge."

Nähert sich der europäische Bankensektor seiner Talsohle?
„Der Sektor scheint historisch gesehen günstig, aber es gibt im Moment viele Unsicherheitsfaktoren. Deshalb werde ich lieber abwarten, bis ich mehr darüber weiß, wie die Probleme gelöst werden sollen und wie sich das auf die Bewertungen der Banken auswirken wird."

 

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